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Hygiene­risiko oder Hype?
Legionellen in kalt­gehenden Trink­wasser-Installa­tionen

Als 2011 in die Trink­wasser­verordnung der tech­nische Maß­nahmen­wert für Legio­nellen auf­genom­men wurde, kon­zen­trierte sich die Fach­welt aus gutem Grund auf die Hygiene­risiken in Trink­wasser warm-Zirku­lationen. Aktuell werden aber zunehmend Legio­nellen­befunde in kalt­gehenden Trink­wasser-Installa­tionen thema­tisiert.

Dass hiervon eine Gesundheits­gefahr für die Nutzer aus­geht, ist aller­dings kein neuer Ver­dacht: Verschiedene Studien und Unter­su­chun­gen haben inzwischen das Ver­ständ­nis für die Proble­matik erweitert. Daraus lassen sich konkrete Handlungs­empfehlungen für Planer und Fach­hand­werker ableiten.

„Trinkwasser muss so beschaffen sein, dass durch seinen Genuss oder Gebrauch eine Schädi­gung der mensch­lichen Gesund­heit ins­be­sondere durch Krank­heits­erreger nicht zu besorgen ist. Es muss rein und genuss­tauglich sein.“ Diesem Grund­satz der Trink­was­ser­verord­nung (TrinkwV § 4, Abs. 1) sind alle Verant­wort­lichen für die Planung, die Installa­tion und den Betrieb von Trink­wasser­an­la­gen ver­pflichtet. Daher ist eine fun­dierte Antwort auf die Frage, inwie­weit Legionellen auch im Trink­wasser kalt (PWC) zu befürchten sind, ent­scheidend. Die zuletzt vermehrte Diskussion dieses Themas in Fach­kreisen ist allein schon des­wegen kein Anzeichen eines „Hypes“. Viel­mehr ist sie aufgrund zahlreicher Unter­suchungen in den vergangenen Jahren ein Beleg für die zunehmende Gewiss­heit, dass Verkei­mungen von kalt­gehenden Trink­wasser-Installa­tionen ein reales Hygiene­risiko darstellen.

Viega: WC-Betätigungsplatte mattschwarz
Foto: Viega

Fortschreitende For­schung ver­dichtet Erkennt­nisse

Bereits im Rahmen einer Disser­tation aus dem Jahr 2004 wurden er­staun­liche Unter­suchungs­ergeb­nisse von Kalt­wasser­proben aus ver­schiedenen Gebäude­typen veröffent­licht: In rund 12 Prozent aller Kalt­wasser­proben konnten damals Legionellen nach­gewiesen wer­den – und das schon bei Temperaturen ab 12 °C! Bei diesen Unter­suchungs­ergeb­nissen wurde fest­gestellt, dass die Kalt­wasser­tem­peraturen mit der Größe des Systems ansteigen, was mit der Länge und den Ver­zweigungen des Roh­rsystems begründet werden kann (Stag­nationen, Nutzung, etc.).

Die Wechselwirkung zwischen Legio­nellen­wachstum und Wasser­temperatur unter­suchte das IWW Rheinisch-West­fälische Institut für Wasser­forschung im Jahr 2005 noch genauer. Die ermittelten Daten zeigten ein­deutig, dass spätestens bei 20 °C die Ver­meh­rung von Legio­nellen beginnt. Bestätigt wurde dies im Übrigen 2009 nochmals durch die von Prof. Dr. Martin Exner beschrie­bene Wachs­tums­kurve von Legionella pneumophila. Und auch der Arbeits­kreis Trink­wasser­installation & Hygiene (AK Wasser­hygiene) emp­fahl bereits 2007, Kalt­wasser in die Beprobung mit ein­zubeziehen. Insbe­sondere, wenn Wärme­über­gänge auf PWC zu befürch­ten sind oder schon fest­gestellt wurden.

Aber nicht nur auf wissen­schaft­licher Ebene wurde die Legionellen­problematik im Kalt­wasser früh­zeitig beschrieben. Einige Immo­bilien­ver­wal­tun­gen gaben aufgrund eigener Erfahrungen bereits 2011 die Warnung von Trink­wasser-Experten an die Medien weiter (Frank­fur­ter Rund­schau, 2012): „Legio­nellen können sich in Kalt­wasser­leitungen vermehren, wenn diese schlecht isoliert sind und direkt neben Warm­wasser­leitungen liegen. Das kommt bei Alt­bauten häufig vor“. Im gleichen Jahr war im Bundes­gesund­heits­blatt zu lesen: „In Trinkwasser- Installa­tionen dürfen zu keinem Zeit­punkt Voraus­set­zungen geschaffen werden, die eine Ver­mehrung von Krank­heits­er­re­gern, zum Bei­spiel Legionellen, begünstigen“. Dieser Grund­satz ist heute auf­grund einer zunehmenden Gebäude­kom­plexität aktueller denn je.

Darüber hinaus empfahl der DVGW eben­falls im Jahr 2011, bei Hin­weisen auf Erwär­mung der Leitungen für kaltes Trink­wasser auch Proben an Ent­nahme­stellen für Kalt­wasser zu entnehmen. Mittlerweile ist der verbindliche Hinweis auf die Unter­suchung von Kalt­wasser eben­falls in der am 18. Dezem­ber 2018 veröffentlichten Emp­fehlung des Umwelt­bundes­amtes (UBA) zur syste­mischen Untersuchung von Trink­wasser-Installa­tionen auf Legio­nellen ent­halten.

Wissen verpflichtet

Der einleitend zitierte Grund­satz aus der TrinkwV, dass aus dem Trink­wasser­gebrauch keine Gefahr für die Gesund­heit entstehen darf, verpflichtet Planer, Installateure und Betreiber von Trinkwasseranlagen, das Wissen um die Hygiene­risiken durch eine Legio­nellen­kon­ta­mi­na­tion im Kalt­wasser in konkrete Schutz­maß­nahmen um­zusetzen. Dafür gibt es recht­liche Vorgaben mit konkreten Hand­lungs­emp­fehlun­gen. Die TrinkwV verweist zum Beispiel auf die Ein­haltung der all­gemein anerkannten Regeln der Technik (a.a.R.d.T.). Außer­dem veröffent­licht das Robert Koch-Institut (RKI) in Ab­sprache mit den jeweils zustän­digen Bundes­behörden und deren Fach­kreisen Richt­li­nien, Empfeh­lungen, Merk­blätter und sonstige Infor­mationen zur Vorbeugung, Erken­nung und Verhin­derung der Weiter­verbrei­tung übertragbarer Krank­heiten. Gesetz­lich ermäch­tigt dazu ist das RKI durch das Infektions­schutz­gesetz (IfSG § 4).

Flankierend hat das UBA gemäß § 40 des IfSG die Aufgabe, Kon­zepte zur Vor­beugung, Erken­nung und Verhin­derung der Weiter­ver­brei­tung von durch Wasser übertrag­baren Krank­heiten zu entwickeln. Außer­dem findet sich der Schutz der mensch­lichen Gesund­heit als über­geordneter Grund­satz des IfSG auch in der Muster­bau­ordnung (MBO) wieder – alles zu befolgende Erlasse des Gesetz­gebers.

Temperatur­grenzen sind ver­pflich­tend

Die Summe aus wissen­schaft­lichen Erkennt­nissen, Vorgaben des Gesetz­gebers zum Gesund­heits­schutz und der maß­geblichen Re­gel­we­rke (siehe Kasten) machen deut­lich: Die Temperatur­grenze im Trink­wasser kalt von maximal 25 °C (emp­fohlen sind 20 °C) ist ein verbind­lich ein­zuhal­tender Para­meter in allen Trink­wasser­anlagen, unab­hängig von ihrer Größe. Das ent­spricht so­wohl den euro­päischen Leit­linien als auch den Emp­fehlun­gen der Welt­gesund­heits­orga­nisation (WHO). Als Pla­nungs­prä­misse dafür wird in der Regel eine Wasser­tem­peratur am Haus­wasser­an­schluss von 10 °C ange­nommen. Das böte inner­halb der Haus­installa­tion „Luft nach oben“, bevor der hygiene­kritische Tem­pe­ra­tur­bereich von 20 °C erreicht würde. For­schungs­ergeb­nisse zeigen jedoch, dass von den Ver­sorgern das Wasser in­zwischen mit einer durch­schnitt­lichen Temperatur von 14,2 °C geliefert wird.

Viega: Infografik
Infografik: Viega

Ein wesentlicher Grund dafür ist der Klima­wandel mit verschie­denen Aus­wirkungen auf die Tempe­raturen des Roh­wassers: Zum einen steigt durch die höheren Luft­tem­peraturen die Roh­wasser­tem­peratur in Seen und Tal­sperren. Als Konse­quenz nimmt die Durch­mischung des warmen Ober­flächen­wassers mit dem kälteren Tiefen­wasser ab. Lange Trocken­perioden mit sin­kenden Wasser­ständen führen zum anderen zu höheren Tem­peraturen in der Tiefe. Außer­dem kann unter un­güns­tigen Bedin­gungen eine Gefähr­dung der Trink­wasser­hygiene im Ver­teilungs­netz und in Hoch­behäl­tern nicht aus­geschlos­sen werden. Darüber hinaus erwärmen stei­gende Boden­tempe­raturen das Wasser in den Verteil­leitungen der Ver­sorger zusätz­lich. Ein For­schungs­projekt wies in den Sommer­monaten sogar Wasser­temperaturen > 25 °C im Wasser­rohrnetz der Ver­sorger nach.

Hinzu kommt, dass bei der Abgabe des Trink­wassers in die Haus­installa­tion eine weitere Erwärmung des Kalt­wassers innerhalb des Gebäudes eben­falls nicht aus­zuschließen ist. Somit kann die Einhaltung der 25 °C-Grenze in der Trink­wasser-Installa­tion – obwohl sie der VDI/DVGW-Richtlinie 6023 (2013) entspricht – saisonal bedingt schwierig werden; Verän­derungen der mikro­biolo­gischen Qualität der Wasser­phase sind die Folge.

Der Hintergrund: Trink­wasser und Trink­wasser­biofilme ent­halten immer Mikro­organismen. Erhöhte Tempe­raturen, insbeson­dere im Zu­sam­men­hang mit einem stei­genden Nähr­stoff­gehalt, können die mikro­biolo­gisch-hygie­nische Qualität des Trink­wassers be­ein­träch­tigen. Denn sowohl eine Erhöhung der Kolonie­zahl als auch eine stei­gende Nach­weishäufig­keit hygienisch-rele­vanter Mikro­organis­men bergen ein gesund­heit­liches Risiko. So wurden für den Trink­wasser­bereich schon früher zahl­reiche Legionellen-Spezies aus Trink­wasser­brunnen mit einer Wasser­tem­peratur im Bereich von 20 °C detektiert. In den Nieder­landen konnten in kalt­gehen­den Trink­wasser-Installa­tionen Legionellen nach­gewiesen werden, wobei es sich hier­bei nicht um Legionella pneumophila, sondern primär um Legionella anisa handelte. Hieraus ist abzu­leiten, dass einige Legionellen-Spezies sogar an eine Vermehrung bei niedrigeren Wasser­temperaturen adaptiert sind.

Allgemein aner­kannte Regeln der Technik sind einzu­halten

Da die Einhaltung der Tem­peratur­grenzen in kalt­gehenden Trink­wasser-Installa­tionen also nach­weislich ent­schei­dend für den Gesund­heits­schutz ist, stellt sich insbesondere für Planer und Fach­hand­werker die Frage: Wie lässt sich die Kalt­wasser­tempe­ratur in immer kom­plexer werdenden Trink­wasser­anlagen und bei perspek­tivisch weiter steigenden Tem­pera­turen am Hausanschluss dauerhaft im unkri­tischen Temperatur­bereich halten? Im Wesent­lichen durch die Ein­haltung der a.a.R.d.T., so die Quint­essenz eines DVGW-For­schungs­projektes von 2019 über das Wachs­tum von Legionellen in kalt­gehenden Trink­wasser-Installa­tionen. Dazu zählt ins­besondere die Vermei­dung von Stag­nation und der Wärme­übergang auf Kalt­wasser­leitungen. Denn das Forschungsprojekt bestätigte einmal mehr, dass die Legio­nellen­konzentration in